Hinter uns liegt ein echter Meilenstein für die interdisziplinäre Zusammenarbeit: Am 11. und 12. Juni 2026 fanden die Zürcher Dermatologische Fortbildungstage (ZDFT) statt. Zum ersten Mal waren Apothekerinnen und Apotheker als feste Zielgruppe aktiv ins Programm eingebunden! Mit dem klaren Ziel, universitäre Spitzenmedizin und den konkreten Apothekenalltag an einem Ort zusammenzubringen, war das interdisziplinäre Symposium von PharmaKey.ch zu Gast an den ZDFT. Wie Prof. Dr. Thomas M. Kündig (Klinikdirektor Dermatologie, USZ) es treffend formulierte: „Es ist wichtig, dass die Fortbildung der Apothekerinnen und Apotheker im Kontext medizinisch-universitärer Institutionen stattfindet und eng mit diesen verknüpft ist.“ Genau dieser Brückenschlag ist uns am Donnerstag am On-Site Event im Hotel Radisson Blu gelungen.
Rückblick auf das 3. interdisziplinäre Dermatologie-Symposium
Premiere an den ZDFT: Wenn Spitzenmedizin auf Apothekenalltag trifft!
Donnerstag: Drei Top-Referenten, drei spannende Perspektiven
Das parallel zu den ZDFT durchgeführte PharmaKey.ch Symposium bot ein grosses Spektrum an dermatologischem Wissen.
Hautinfektionen & Differenzialdiagnosen von Prof. Dr. med. Thomas M. Kündig
Prof. Kündig (Klinikdirektor Dermatologie, USZ) lieferte ein unverzichtbares Update zur Erkennung von Hautinfektionen:
- Impetigo-Formen erkennen: 70 % der Fälle zeigen sich als nicht-bullöse Impetigo (ausgelöst durch S. aureus oder Streptokkoken), während 30 % auf die bullöse Form entfallen. Die Therapie erfolgt typischerweise mit Fucidin-Creme oder Co-Amoxi.
- Kritische Warnsignale (SSSS): Das seltene Staphylococcal Scalded Skin Syndrome (SSSS) erfordert aufgrund der hohen Mortalität bei Erwachsenen (60 %) eine sofortige empirische i.v.-Antibiose.
- Evidenzbasierter Herpes-Schutz: Neben antiviralen Optionen und Tetracain topisch zeigte er anhand klinischer Daten, dass die konsequente Anwendung von Sonnenschutz (LSF 50+) UV-induzierte Herpes-Rezidive drastisch senken kann.
Narbenbildung und -behandlung: Von der Basis zur Hightech-Klinik von Prof. Dr. med. Jürg Hafner
Das Team rund um Prof. Hafner (Stv. Klinikdirektor Dermatologie, USZ) zeigte auf, wie stark Patienten unter auffälligen Narben leiden und wie die Apotheke Betroffene optimal unterstützen kann:
- Narben richtig klassifizieren: Hypertrophe Narben entstehen rasch innerhalb von 2 bis 6 Monaten, bleiben aber auf die ursprünglichen Wundränder begrenzt. Keloide hingegen überschreiten die Wundgrenzen dauerhaft, wachsen über Jahre autonom weiter und treten besonders an prädisponierten Orten wie Brustbein, Ohren oder Schultern auf.
- Goldstandard der Prophylaxe: Silikongele und -auflagen sind essenziell, da sie die Barrierefunktion wiederherstellen und den transepidermalen Wasserverlust normalisieren. Auch eine kontinuierliche Drucktherapie flacht Narben nachweislich ab.
- Klinische „neue Wege“: Bei Therapieresistenz kommen in der Klinik hochwirksame Kombinationen zum Einsatz – etwa die intraläsionale Injektion von Triamcinolon und dem Zytostatikum 5-Fluorouracil sowie modernste fraktionierte CO2-Laser.
Wundheilung unterstützen: Akute und chronische Wunden versorgen von Heiko Müller
Heiko Müller (Pflege- und Wundexperte Dermatologie, USZ) verdeutlichte, dass eine erfolgreiche Wundheilung weit über die reine Auswahl einer Auflage hinausgeht:
- Strukturierte Wundbeschreibung nach URGE: Für eine lückenlose Dokumentation und Fachberatung gilt das URGE-Prinzip: Umgebung, Rand, Grund und Exsudat.
- Therapie nach dem TIME-Prinzip: Tissue (Gewebe reinigen/Debridement prüfen), Infection (Infektionskontrolle), Moisture (optimale Feuchtigkeitsbalance halten: feucht, aber nicht nass!) und Edge (Wundrand schützen).
- Faktor Ernährung: Da die Wundheilung ein anaboler Prozess ist, scheitert sie oft an systemischen Faktoren. Chronische Wunden benötigen Energie , erhöhtes Eiweiss sowie gezielte Mikronährstoffe wie Zink und Vitamin C.
Freitag: Interprofessionelles interaktives Fall-Webinar
Am Freitagmorgen ging der Wissenstransfer nahtlos weiter. Unter der Leitung von Prof. Dr. med. Reinhard Dummer (USZ/KSA) und Dr. sc. nat. Regina Krattinger (Apothekerin und klinische Pharmakologin, pnn ag) wurden reale, hochspannende Fälle aus der Apotheke gemeinsam seziert und aus pharmazeutischer sowie ärztlicher Sicht beleuchtet:
Komplementär, aber sicher? Kurkuma beim Melanom
- Die Situation: Ein 52-jähriger Kunde unter einer zielgerichteten Krebstherapie (mit den BRAF-/MEK-Inhibitoren Encorafenib/Binimetinib) möchte aus Angst vor seiner Erkrankung ein hochdosiertes, pflanzliches Kurkuma-Präparat zur Unterstützung kaufen.
- Das Problem: Obwohl Curcumin in-vitro tumorhemmende Eigenschaften zeigt, ist die klinische Evidenz bei soliden Tumoren unzureichend. Zudem besteht ein Interaktionspotenzial: Encorafenib wird über CYP3A4, CYP2C19, CYP2D6 metabolisiert und über P-gp transportiert– Enzyme und Transporter, die durch Curcumin inhibiert werden können. Zudem droht ein additiv erhöhtes Blutungsrisiko.
- Das Fazit für die Apotheke: Da eine klinisch relevante Interaktion nicht auszuschliessen ist, darf das Kurkuma-Präparat nicht abgegeben werden. Stattdessen erfolgt die Rücksprache mit dem Dermatoonkologen. Wünscht der Patient eine supportive Begleitung, können eine Skin Cancer Nurse oder strukturierte Angebote wie eine Ernährungsberatung oder Psychoonkologie Alternativen bieten.
Aknetherapie mit Nebenwirkung – Retinoide und Schwangerschaft
- Die Situation: Eine 28-jährige Kundin hat vor zwei Monaten das topische Retinoid Adapalen gegen leichte Akne erhalten und per Unterschrift eine Schwangerschaft ausgeschlossen. Nun kommt sie verzweifelt zurück: Sie hat positiv getestet, das Gel regelmässig angewendet und die Akne hat sich hormonell bedingt verschlimmert.
- Das Problem: Systemische Retinoide sind hochgradig teratogen. Topische Retinoide (wie Adapalen) werden zwar nur minimal systemisch aufgenommen und eine Metaanalyse von fast 600 Schwangerschaften zeigte kein signifikant erhöhtes Fehlbildungsrisiko – ein Restrisiko kann jedoch nie völlig ausgeschlossen werden.
- Das Fazit für die Apotheke: Adapalen muss sofort abgesetzt werden. Die Kundin ist zur Ultraschall-Kontrolle an den Gynäkologen zu verweisen. Für die Akne-Therapie in der Schwangerschaft gibt es sichere, topische Alternativen wie Antiseptika, Benzoylperoxid (BPO), Azelainsäure oder das lokale Antibiotikum Clindamycin.
Fazit: Ein voller Erfolg für die Patientensicherheit
Neben den wissenschaftlichen Highlights kam auch der kollegiale Austausch nicht zu kurz. Die gemeinsamen Kaffeepausen und das lebhafte Get-Together boten eine aussergewöhnliche Gelegenheit, um wertvolle Kontakte zwischen der Apothekerschaft, den Dermatologen und der Industrie zu knüpfen. Die ZDFT 2026 haben eindrücklich bewiesen, wie stark die Patientensicherheit und Beratungskompetenz steigen, wenn Klinik und Offizin Hand in Hand weitergebildet werden. Ein riesiges Dankeschön an alle Referenten und Teilnehmer, die diese Premiere zu einem vollen Erfolg gemacht haben!